Freitag, 3. Dezember 2010

Kayne West - Beautiful Dark Twisted Fantasy

Nachdem sich Kayne West mit "808's & Heartbreaks" gleich selbst ins Off katapultiert hat, konnten es sich sogar Jünger des Halbgottes nicht verkneifen, über das Release zu lästern, schafft es Mr. West spielend, sich mit seinem neuen Album "Beautiful Dark Twisted Fantasy" zu rehabilitieren. Ob nun BBC ("seriös"), MTV ("kindisch") oder Okayplayer ("Indie"), alle stimme sie Lobgesänge auf Yeezys neusten Streich an. "Beautiful Dark Twisted Fantasy" ist nicht phänomenal, nicht episch, nicht perfekt und schon gar grossartig, nein, gewiss nicht. "Beautiful Dark Twisted Fantasy" ist gross. Ja, gross. Ich meine, die Amis sagen ja auch just great, also reicht's doch, wenn wir auch prägnante Attribute zur Anwendung bringen.


Es fällt mir nicht leicht, mich an dieser Stelle zu outen, aber ich muss es einfach tun (ach Gott, in etwa so wie ich mich gerade fühle, müssen sich wohl Schwule vor rund 20 Jahren vor ihrem Coming-Out gefühlt haben). Nein, ich mag Kayne nicht. Und zwar nicht erst seit "808's & Heartbreaks". Ich mochte Kayne noch nie. Mit der Gewissheit, kein Fan von Kaynes Musik zu sein, was ja in gewissen Zirkeln mit dem Dasein eines Haters gleich gestellt wird, bin ich auch an "Beautiful Dark Twisted Fantasy" herangegangen. Ich habe dem Album von Anfang an keine Chance gelassen. Klar, ich hab reingehört, aber der Skip-Finger war so drückbereit wie die Hand am Buzzer eines Kandidaten bei Schlag den Raab. So hatte ich Yeezys vertonte schöne aber dunkle Fantasien recht schnell abgehakt.

Nachdem ich mir aber die erwähnten Lobeshymnen (bei Okayplayer gab's für West 98 von 100 möglichen Punkte, was dem Attribut göttlich wohl sehr nahe kommen müsste und Outputs von den Beatles, den Stones oder Pink Floyd, von James Brown, Curtis Mayfield, Isaac Hayes, Marvin Gaye, Michael Jackson oder Szenegrössen wie Run DMC, Pete Rock & CL Smooth, A Tribe Called Quest, Premo oder Dilla u.v.m. gleich in ein fahles Licht rückt... von Grössen des Jazz und klassicher Musik ganz zu schweigen) zu Gemüte geführt hatte, konnte ich nicht anders, als Yeezys neues Album nochmals hervorzukramen und versuchen, so unbefangen wie nur möglich an das Unterfangen "Beautiful Dark Twisted Fantasy" heranzugehen.

Gesagt, getan. Los geht's mit Mike Oldfield. Ein wenig hoch pitchen den Loop und fertig ist die Hook. Wie damals in den 90ern, nur ist nicht Soul im Shaker, sondern Pop. Die Inspiration für den Verse-Part des Beats hat sich Yeezy ganz offensichtlich bei RZAs 36 Kammern geholt. Böse Hater-Zungen könnten gar behaupten, der Beat sei ganz einfach ein Plagiat des "Shimmy Shimmy Ya"-Beats. Nun gut. Einstieg missglückt. Natürlich nicht Yeezys, sondern meiner. Weiter geht's mit dem Track "Ghostly", also eigentlich ja mit den Turtles, also nicht mit den Ninja Turtles, sondern mit der 60er-Jahre Rock-Band aus den Staaten. Da hat es sich Kayne sehr einfach gemacht, hat er das Sample nicht mal mit einem Drumset ausgestattet. Aber nichts gegen das. Der Track gefällt mir wirklich sehr gut. Nur bringen Indie-Acts von den Staaten bis nach Deutschland und in die Schweiz auch solche wirklichen guten Tracks zustande. Weiter geht es mit einem 1:1-Sample eines Afromerica-Tracks, das Kayne mit rockiger E-Gitarre versehen hat. Der Track ist, wie es dessen Titel verspricht, eine ganze Menge Power. Soviel Power, dass Kayne diesen Song dazu nutzt, über Hater (wie mich?) herzuziehen. Auch der nächste Track "All Of The Lights" geht straight nach vorn, was man auch von dessen Follow-Up "Monster", der mit Timbaland-affinen Drums daher reitet, sagen.

Zwischen-Fazit: "Beautiful Dark Twisted Fantasy" ist im Vergleich zu seinem Vorgänger echt ein Quantensprung. Was an diesem Album wirklich neu, wirklich anders, wirklich gross sein soll, das erschliesst sich mir bis anhin nicht.

Weiter geht's mit dem Track "You Are - I Am" von Manfred Manns Earth Band, dessen Melodie sich Queen für ihren Track "The Show Must Go On" 1991 zu Eigen gemacht haben. Yeezy hat dieses Sample in einer umgebauten Version für den Track "So Appalled" verwendet und es dem Tracktitel entsprechend mit einem Mix aus Jauchzer und Aufschrei und Lyrics über das Hier und Jetzt versehen. Cooler Track. Auf Mani folgt Smokey Robinson für einen klassischen Hip Hop-Beat. Danach schickt Kayne einen 1:1-Drumloop von den Backyard Heavies ins Rennen, den er mit Piano versieht (der Begriff Melodie würde hier zu weit greifen, zu einfach hat es sich der Maestro gemacht) und Bass versieht. Für "Hell Of A Life" müssen/dürfen Mojo Men opfern und für "Blame Game" bedient sich Herr West fast schon dreist beim Track "Avril 14th" von Aphex Twin (also ich nehme mal, das geschah schon erst nach Absprache und mit Hilfe eines nicht allzu kleine Zustupf).

Fazit: Auf "Beautiful Dark Twisted Fantasy" hört man vieles, das man schon gehört hat. Neu am ganzen ist defacto nur, dass man all diese Sounds nun zusammen auf einem Album serviert bekommt. Kayne war Digger und ist es noch immer. Alles in allem ist Yeezys neues Album bestimmt nicht schlecht, es ist wohl sogar gut, obwohl es mir nicht wirklich gefällt. Musik ist und bleibt Geschmackssache. Klar gibt es Punkte, die man objektiv bewerten kann. So steht ausser Frage, dass Kayne weiss, wie man mit Sample und Sequenzer umzugehen hat. Ebenfalls ausser Frage steht, dass er, was die Fähigkeiten am Mic anbelangt, nicht weniger aber auch nicht mehr als ein guter MC ist. Und was Entertainment ist, hat er sowieso verinnerlicht, was aber nicht direkt was mit einem Album zu tun hat. Was mich an "Beautiful Dark Twisted Fantasy" stört ist die Länge der Tracks, die zwischen fünf und neun Minuten variiert. Nur schon deswegen kann ich das Album unmöglich am Stück hören. Hätte Kayne ganz auf Gäste am Mic verzichtet, hätte ich sogar meine liebe Mühe damit, einen Track von Anfang bis Ende anzuhören, was zum einen mit der angesprochenen Längen der Tracks und zum anderen mit Yeezys ebenfalls angesprochenen Fähigkeiten als MC zu tun hat. Auch was er erzählt, ist meist nicht mein Stil, rückt er sich doch zu sehr ins Zentrum der Betrachtung, dies nicht im ursprünglichen Sinne eines Battle-MCs, sondern als sein eigener Psychologe.

Nein, Kayne-Fan bin auch nach dem Release von "Beautiful Dark Twisted Fantasy" keiner. Und was an diesem Album gross sein soll, erschliesst sich mir nicht annähernd. Bekommt er bei Okayplayer 98 von 100 Punkten ab, müsste die Skala für andere Releases, ob nun für echte Classics oder kommende, beinahe verdoppelt werden. Nun denn, den Kayne-Jünger kratzt all dies wenig. Das Weihnachtsgeschäft wird auch dank sage und schreibe fünf verschiedenen Covers und verschiednen Editions ebenso gross wie das Album selbst.

Und zum Schluss noch dies: Wer sich lieber die Originale als Kaynes Applikationen gibt, bitte HIER entlang...

PS: Ob "Beatiful Dark Twisted Fantasy" dereinst wirklich ein Klassiker sein wird, werden wir in frühesten zehn Jahren nochmals erörtern.

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